Die Geschichte rund um den Lauterbacher Tropfen

Schmedfritzaugust

Der Ahnherr – ein kräuterkundiger Heiler

Der Ruhm des „Schmiedfritzaugust“ als naturheilkundiger Vieh- und Menschendoktor reichte vom Erzgebirge bis zum sächsischen Königshof.  War das Leben von Mensch oder Tier in Gefahr, wurde das Lauterbacher Original gerufen. Bis ins hohe Alter zu Fuß unterwegs, half August Friedrich Hunger mit seinem Wissen um heilkräftige Kräuter.

Seine Kenntnisse hatte sich der Landwirt autodidaktisch angeeignet – aus Büchern und vom „Kochhanslob“. Der mit bürgerlichem Namen Gottlob Wittig heißende Fleischer und „Sauschneider“ war zuvor wichtigster medizinischer Ratgeber in Lauterbach.

Zurück vom Hausbesuch, kehrte der „Schmiedfritzaugust“ gern in die Gastwirtschaft seines Schwiegersohnes Ernst F. Ullmann senior und später seines Enkels Ernst F. Ullmann junior ein. Sicher trug der Kräuterkundige mit seinem Wissen auch zu den Ullmann’schen Spirituosen bei. Nachweisbar wurden mit seiner Tochter Anna in der Küche der „Restauration“ Tinkturen und Ansätze angerührt.

 



Die erste Generation – von der Restauration zur Destillation

2009 waren es exakt 140 Jahre, dass in der Familie Ullmann eine Schankkonzession nachweisbar ist. Der Vater von Ernst F. Ullmann senior beantragte sie 1869 noch für das Nachbarhaus des heutigen Firmensitzes. 1899/1900 begann Ernst F. Ullmann senior schließlich mit dem Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses mit „Restauration“ – der Keimzelle des hochprozentigen Familienunternehmens.

 

Ernst Friedrich Ullmann war aufgeschlossen für Neues. Neben der Gastwirtschaft betrieb er noch eine  Landwirtschaft, einen Kohlen- und Holzhandel sowie eine Agentur der Dresdener Feuerversicherung. Und ganz nebenbei begründete der rührige Lauterbacher auch die Familientradition des „Schnapsmachens“:

Um 1910 nahm die Ullmann’sche Spirituosenproduktion im Vorratsraum der Gaststätte mit ersten Ansätzen in Holzwannen und Holzbottichen ihren Anfang. Viel zu früh sollte der erfolgreiche Tatendrang gebremst werden: Ernst F. Ullmann senior starb 1929, erst 60-jährig, an den Folgen eines Unfalls.

 

Die zweite Generation – der Mann mit dem „grünen“ Daumen

Destillateursschule

Kaum hatte Ernst F. Ullmann junior seine Ausbildung als Destillateur in Breslau und Berlin abgeschlossen, musste er schon das Familiengeschäft übernehmen.

Als sein Vater starb, war er gerade 21 Jahre alt. Es begann eine sehr schwere Zeit für den intelligenten jungen Mann, der nun verstärkt auf die  Spirituosenherstellung setzte. Ernst F. Ullmann junior gelang es, das Geschäft auszubauen und zwei entscheidende Voraussetzungen für den Erfolg des Familienunternehmens zu schaffen: Zum einen etablierte er die Marke „Lauterbacher Tropfen“. Zum anderen ließ er das Saalgebäude errichten, in dessen Mauern heute die Produktion Platz findet. Das Familienunternehmen trotzte vielen Schwierigkeiten – der Weltwirtschaftskrise und den dunklen Zeiten, die darauf folgen sollten.


Ernst Lauterbacher1941 wurde kriegsbedingt die Produktion der Spirituosen eingestellt, bis 1945. Nach einem anfänglichen Aufschwung in der noch jungen DDR, beschloss die SED die Einführung des Kommunismus nach sowjetischem Vorbild. Die Folge: Kürzungen der Rohstoffe für private Betriebe. Ernst F. Ullmann junior wehrte sich jedoch gegen alle Bestrebungen zur Verstaatlichung seiner Firma – erfolgreich, auch dank der Unterstützung aus der Bevölkerung und mancher Funktionäre, die auf ihren „Lauterbacher Tropfen“ nicht verzichten mochten. Dies sollte umso wichtiger werden, als Manfred Ullmann 1971 den Familienbetrieb übernehmen wollte …

 

Die dritte Generation – von der Ersatzwährung zum Verkaufsschlager

Mit der Destillateurslehre stieg der heutige „Seniorchef“, Jahrgang 1935, ins Familienunternehmen ein, übernahm es schließlich 1971. Ein seitenfüllender Kampf um die Gewerbeerlaubnis begann – letztlich dank großer Unterstützung auf allen Ebenen erfolgreich. Manfred Ullmann augenzwinkernd: „Hätte es keinen Lauterbacher mehr gegeben, wäre die Revolution wohl schon 1971 ausgebrochen.“

Der grüne Bitter war beliebte „Bückware“ und knappe Ersatz-Währung, denn die Rohstoffe für die Spirituosenherstellung waren nicht einfach zu bekommen, die Produktion eines Tages noch am selben verkauft. Der Vertrieb der begehrten Tropfen erfolgte zwangsweise über den staatlichen Handel, 5 Prozent blieben für das eigene Ladengeschäft – was in Lauterbach regelmäßig zum Verkehrschaos führte. Selbst der Preis wurde diktiert: 0,70 Liter kosteten 11 Mark, 0,35 Liter 5,85 Mark.

Was schwer zu bekommen war, eignete sich in der DDR-Wirtschaft hervorragend als Tauschgut. Manfred Ullmanns Meisterstück: ein hochprozentiger Ringtausch, der schließlich über eine gefragte Autozuweisung (Lada) zu einem neuen Gabelstapler führte!

Herausforderungen ganz anderer Art brachte die politische Wende 1989/90 mit sich. Die Ullmanns beteiligten sich aktiv, nahmen an zahlreichen Demonstrationen teil. Wirtschaftlich folgten dem Zusammenbruch der DDR zunächst ein Umsatzeinbruch – und viel Verwaltungsaufwand. Doch schon bald, „nachdem die neuen West-Produkte getestet waren“, ging es wieder aufwärts. Der in DDR-Zeiten eingeschlafene Großhandel wurde erneut aufgenommen, traditionelle Sorten wieder eingeführt …

Viel Kraft kostete der komplette Um- und Ausbau des Firmengebäudes ab 1996. Neben der bewahrten traditionellen Fertigung, garantieren nun auch modernste Arbeitsbedingungen „Qualität in der Flasche“.

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Die vierte Generation – Tradition hat Zukunft

Kurz nach der Jahrtausendwende – 2003 – legte Manfred Ullmann das Familienunternehmen in die Hände seiner jüngsten Tochter. Doch ganz will und muss der „Seniorchef“ noch nicht loslassen: „Die Firma ist mein Leben!“ Kathleen Ullmann-Sieber, ebenfalls gelernte Destillateurin, führt das Lebenswerk Ihrer Vorfahren bewusst weiter, setzt aber auch neue Impulse: So initiierte sie 2003 die Anschaffung einer neuen Destille und 2004 die Eröffnung eines modernen, großzügigen Ladengeschäftes in den Räumen der ehemaligen Gaststätte. Seit 2009 geht es zudem richtig rund – mit dieser Ausstellung „Rund um den Lauterbacher Tropfen“.

Tontöpfe

Die gut ein Dutzend Beschäftigten des Unternehmens beglücken längst nicht mehr nur die Erzgebirger mit ihrem „Lauterbacher Tropfen“ und über 20 weiteren Spirituosensorten. Vugelbeerschnaps, Kräuterweibl, Ullmanns echte Pflaume, Blaue Maus und Co. stehen inzwischen selbst in Magdeburg im Ladenregal und reisen per Post bis nach Österreich, Luxemburg, Spanien oder in die Niederlande …

Und die nächste Generation? Zeigt bereits großes Interesse am Ullmann’schen Familienunternehmen!

 gesamt

Der Lauterbacher Tropfen – „Lauti“, „Waldbenzin“, „Grüner“, „Sterbe nie“ …

Im alten Tresor lagert es, das „Geheimrezept“ für den Lauterbacher Tropfen. Nur Manfred Ullmann und die heutige Firmenchefin Kathleen Ullmann-Sieber kennen den Code. Das Rezept zu erfragen? Keine Chance! Selbst Labore sind hilflos. Nur so viel ist bekannt: Enthalten sind Auszüge aus einer Vielzahl von erlesenen, auch in der Naturheilkunde verwendeten Kräutern, kein Gramm Zucker, aber gutes Wasser.

Dass selbst Chemiker dem Geheimnis des 40-prozentigen ungesüßten Magenbitters nicht auf die Spur kommen, liegt an der Kunst des Destillateurs und daran, dass gleiche Inhaltsstoffe verschiedener Kräuter miteinander verschmelzen. Natürlich dürfen Sie selbst rätseln, welche Kräuter und Wurzeln dem „Lauterbacher“ seinen Geschmack und die guttuende Wirkung verleihen! Das wie ein Augapfel gehütete Rezept des „Lauterbachers“ stammt aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. „Im Familienkreis ist er wohl schon vorher getrunken worden“, vermutet Manfred Ullmann. Ausgereift und marktfähig gemacht wurde der gute Tropfen von Ernst F. Ullmann junior. Mittlerweile kommt er seit rund 80 Jahren unverändert in die Flasche. Eben oder gerade deswegen blieb der „Grüne“ über alle Zeiten hinweg beliebt – jenseits aller Trends und Moden. Mit über 80 Prozent des Gesamtumsatzes ist das erzgebirgische „Nationalgetränk“ die Existenzgrundlage des Familienunternehmens. Seine Fangemeinde erstreckt sich heute über ganz Deutschland – und darüber hinaus. Einem erweiterten Vertrieb und dem Postversand sei dank.